Summer People - Kate Waters

24.06.2026 - 01.08.2026
Galerie Wolfgang Jahn | München

Bilder der Ausstellung


Beschreibung

Mit der Ausstellung Summer People zeigt die Galerie Wolfgang Jahn in München passend zur Jahreszeit aktuelle Arbeiten von Kate Waters, die den Fokus auf atmosphärisch aufgeladene Lichtstimmungen, flüchtige Szenerien und beiläufige Momente im urbanen Raum sowie sommerliche Freizeitaktivitäten an Promenaden und Wasserufern richten. Das Werk der in Kanada geborenen und heute in Düsseldorf ansässigen Künstlerin besticht durch einen frappierenden malerischen Realismus. Die gleiche Präzision in Beobachtung und Wiedergabe kennzeichnet auch ihre grafischen Tuschezeichnungen. Trotz der hohen Realitätsnähe und der großen Sorgfalt in der künstlerischen Ausführung bewahren die Arbeiten eine Eigenständigkeit, die sie deutlich von der technischen Exaktheit fotografischer Aufnahmen unterscheidet. Gleichwohl bedient sich Waters bewusst fotografischer Bildstrategien. Während der gleißende Einfall von Gegenlicht den Szenen eine besondere atmosphärische Qualität verleiht, verweisen partielle Bewegungsunschärfen auf die permanente Veränderlichkeit des Situativen und damit auf eine Vergänglichkeit des Augenblicks, die bereits in der Erscheinung des Bildes angelegt ist. In ihren Werken hält sie diese flüchtigen Augenblicke fest und bewahrt ihre besondere Ausdruckskraft als malerische Impression.

Meist sind es nicht die großen Erzählungen und ikonischen Bilder weltgeschichtlicher Ereignisse, die unser Leben prägen und auszeichnen. Vielmehr sind es die vermeintlich trivialen Momente: die kleinen Freuden des Alltags, das Treffen und der Austausch mit Angehörigen und Freunden, das Badengehen im Sommer, das Flanieren entlang schmucker Einkaufsmeilen, der Besuch eines Cafés oder das Verweilen im Park als kurze Auszeit und Moment des Müßiggangs. Hinter ihrer vermeintlichen Alltäglichkeit offenbaren viele dieser Szenen bei näherer Betrachtung zusätzliche Bedeutungsebenen.

All diese scheinbar beiläufigen Szenen dienen Waters als Motive für ihre Bilder. Als aufmerksame Beobachterin hält sie jene ephemeren Situationen zunächst fotografisch fest, verdichtet sie anschließend mittels digitaler Bildbearbeitung kompositorisch und atmosphärisch und überführt sie schließlich in das Medium der Malerei. Durch die erneute Hinwendung zum Motiv, die fortgesetzte Betrachtung und die sorgfältige Überprüfung im malerischen Prozess verleiht sie Augenblicken Dauer, die ihrem Wesen nach von Flüchtigkeit geprägt sind. Die auf diese Weise entstandenen Arbeiten bewegen sich dabei zwischen fotografischer Momentaufnahme und malerischer Verdichtung.

Manchmal wirken Kate Waters Bilder beinahe wie Filmstills einer Arthouse-Produktion, die die Erzählung des Alltäglichen und die daraus erwachsende Dramaturgie in eine atmosphärisch abgestimmte Lichtregie überführen. Sorgfältig austarierte Bildausschnitte verleihen den Szenen eine besondere Eindringlichkeit und atmosphärische Dichte. Dann wiederum lassen die Arbeiten in Teilbereichen die Ästhetik fotografischer Schnappschüsse erkennen, etwa wenn Figuren angeschnitten werden oder Passanten inmitten einer von Unschärfe begleiteten Bewegung im Bild erscheinen.

Als Beobachterin erzählt die Künstlerin von ihren Eindrücken und zumeist anonymen Begegnungen. Dabei berichtet sie weniger von sich selbst als vom Leben anderer Menschen anhand zufällig erlebter, zugleich aber selektierter Begegnungen und Situationen. Gerade in dieser Auswahl der Motive offenbart sich die Perspektive der Künstlerin selbst. Denn die Entscheidung darüber, welche Augenblicke festgehalten, hervorgehoben und schließlich malerisch interpretiert werden, verrät ebenso etwas über ihre Wahrnehmung und ihre Interessen wie über die dargestellten Personen. Aus der Masse treten erkennbare Individuen hervor, die ihrer augenblicklichen Realität verhaftet sind und für einen Moment aus dem Strom des Alltags hervortreten.

Kate Waters erzählt in ihren Bildern keine Geschichten, die einen Anfang, einen weiteren Verlauf oder gar ein Ende haben. Sie hält vielmehr Augenblicke fest, die die Dauer eines Wimpernschlags kaum überschreiten und deren Zusammenhänge weitgehend offenbleiben. Dabei lässt sie den Betrachter bewusst im Ungewissen. Ein Umstand, der sich auch in der malerischen Unschärfe zeigt, welche die dargestellten Personen in gewisser Weise anonymisiert und die Szenen sowohl auf visueller als auch auf inhaltlicher Ebene in der Schwebe hält. Gerade diese Offenheit eröffnet Raum für eigene Beobachtungen, Deutungen und gedankliche Fortsetzungen. Bei genauerer Betrachtung lassen sich Details erkennen, die indizienhaft auf bestimmte Zustände verweisen, mögliche Rückschlüsse erlauben und auf einer Metaebene Fragen nach zwischenmenschlichen Beziehungen und gesellschaftlichen Konstellationen aufwerfen.

So rückt etwa die flüchtige Präsenz eines Kellners in einem Café ins Zentrum der Betrachtung. Während die Gäste ganz mit ihren eigenen Gesprächen und Beschäftigungen befasst scheinen, lenkt Waters die Aufmerksamkeit auf jene Figur, die im Alltag häufig kaum bewusst wahrgenommen wird. Das einfallende Sonnenlicht umspielt seine Konturen und verleiht ihm eine beinahe auratische Erscheinung. In der Hervorhebung des Kellners vollzieht sich ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Nicht die Konsumierenden stehen im Mittelpunkt der Darstellung, sondern jener Akteur, der die Situation überhaupt erst ermöglicht. Das Licht hebt ihn aus der Anonymität seiner beruflichen Rolle heraus und verleiht ihm eine Würde und Präsenz, die im gewöhnlichen Ablauf sozialer Routinen oftmals unbeachtet bleiben.

Dann wiederum gibt es eine Szene, in der scheinbar vier Freundinnen an einem Tisch einer Uferpromenade zu einem abendlichen Imbiss zusammenkommen. Auch wenn ihre Gesichter Heiterkeit erkennen lassen und es zwischen zwei der Frauen zu einer spontanen Umarmung kommt, fällt auf, dass sich ihre Aufmerksamkeit in unterschiedliche Richtungen verteilt. Eine der Dargestellten blickt auf ihr Smartphone, während die übrigen ihre Aufmerksamkeit jeweils anderen Dingen zuwenden. Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass sich ihre Blicke nicht begegnen. Trotz ihrer räumlichen Nähe entsteht kein gemeinsamer visueller Bezugspunkt. Jede der Frauen verbleibt für einen Moment in ihrem eigenen Wahrnehmungsraum. Die Szene lässt sich daher nicht allein als Darstellung freundschaftlicher Nähe lesen. Vielmehr entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen Gemeinschaft und Individualität, zwischen räumlicher Verbundenheit und persönlicher Eigenständigkeit. Gerade in dieser Diskrepanz zwischen sozialem Anlass und tatsächlichem Verhalten der Beteiligten eröffnet sich eine weitere Bedeutungsebene der Arbeit.

Die in solchen Szenen angelegte Offenheit beschränkt sich jedoch nicht auf Gruppen oder soziale Begegnungen. Die Arbeiten regen immer wieder dazu an, über das unmittelbar Sichtbare hinauszudenken.

Ähnlich verhält es sich bei dem Bild The Cape of Good Hope. Die durch eine urbane Szenerie schreitende Frau erscheint zunächst als Teil einer alltäglichen Situation. Ihre mondäne Erscheinung und die selbstverständliche Souveränität ihres Auftretens verleihen der Figur jedoch eine besondere Präsenz. Sie scheint dabei ganz ihren eigenen Gedanken zu folgen. Wie ein Filmstill verwandelt das Bild die Erzählung des Alltäglichen durch seine atmosphärische Lichtführung und den sorgfältig komponierten Bildausschnitt in eine Szene von eigentümlicher Bedeutungsschwere. Gerade dadurch setzt die Szene beim Betrachter ein Kopfkino in Gang. Woran mag die Frau denken? Wohin ist sie unterwegs? Welche Ereignisse liegen hinter ihr, welche könnten ihr noch bevorstehen? Aus der Spannung zwischen alltäglicher Situation und der eigentümlichen Aura der Figur entsteht ein Kopfkino, das den dargestellten Augenblick weit über das unmittelbar Sichtbare hinaus erweitert.

Die Arbeiten von Kate Waters richten den Blick auf das Vorübergehende im doppelten Sinn. Sie zeigen Menschen, die vorübergehen, sich begegnen oder einen Ort nur für einen kurzen Augenblick durchqueren. Zugleich halten sie Momente fest, die selbst bereits im Begriff sind vorüberzugehen. Indem Waters diese flüchtigen Situationen aus dem Strom der Zeit herauslöst und in Malerei überführt, verleiht sie ihnen eine Dauer, die dem vergänglichen Augenblick sonst verwehrt bliebe.

Dr. Veit Ziegelmaier


Künstler