Mit der Ausstellung Landscape Engineering II präsentiert die Galerie Wolfgang Jahn in München aktuelle Arbeiten von Sven Drühl, die einen Einblick in seine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Motiv der Landschaft und den Möglichkeiten seiner malerischen Konstruktion geben. Seinen neuesten Bildern werden im Untergeschoss Arbeiten aus den Jahren 2008 bis 2015 gegenübergestellt. Die Gegenüberstellung macht die Entwicklung von Drühls künstlerischer Praxis sichtbar und zeigt zugleich, wie konsequent sich bestimmte grundlegende Prinzipien durch sein Werk ziehen.
Auf den ersten Blick wirken Drühls Landschaften unmittelbar und gegenständlich. Sie zeigen majestätische Berge, gewaltige Felswände, Gletscher, aufgewühlte Meeresoberflächen oder herbstliche Baumlandschaften. Zugleich bewahren sie eine eigentümliche Distanz. Menschen oder Tiere fehlen vollständig und auch die Landschaft selbst ist nicht als unmittelbar erfahrene Natur zu verstehen. Drühl arbeitet nicht nach dem Eindruck einer vor ihm liegenden Landschaft. Vielmehr entstehen seine Landschaften aus bereits existierenden Bildern: aus historischen Gemälden, Fotografien, japanischen Shin-Hanga-Holzschnitten oder digitalen Landschaften aus dem Kontext der Computerspielindustrie. Die Vorlagen dienen als Rohmaterial, das Drühl auswählt, verändert, kombiniert und in eine neue Bildordnung überführt. Ein einzelnes Vorbild kann den Ausgangspunkt bilden, häufig aber werden mehrere Quellen miteinander verbunden und zu einer neuen Komposition zusammengesetzt.
Motive werden von Drühl teilweise so weit verändert, dass ihr ursprünglicher Zusammenhang kaum noch zu erkennen ist. Das fertige Gemälde verweist damit zwar noch auf konkretes Ausgangsmaterial, ist zugleich aber zu einem eigenständigen Bild geworden. Die Titel seiner Werke machen sichtbar, dass die Herkunft der zusammengesetzten Vorlagen für seine Arbeit aber durchaus relevant bleiben. Kürzel wie C.D.F. oder S.D.S.T.M. beziehen sich beispielsweise auf die Künstler, Fotografen oder Unternehmen, deren Bildmaterial bzw. deren Vektordateien als Ausgangspunkt dienten. (z.B. das häufig wiederkehrende Kürzel C.G.T. steht für Computer Graphic Texture) Andere Bezeichnungen wie Mirror oder Stretch nehmen Bezug auf den jeweiligen Entstehungsprozess. Dabei geht es nicht darum, die jeweiligen Vorlagen möglichst genau zu identifizieren, sondern um den Prozess ihrer Überführung in ein neues Bild. Es geht nicht darum, welche Landschaft dargestellt ist, sondern darum, wie sehr unsere Vorstellung von Natur bereits durch vorhandene Bilder geprägt ist. Jede Landschaftsdarstellung ist bereits eine Übersetzung des Natürlichen. Natur wird ausgewählt, komponiert, gerahmt und in eine bestimmte Bildsprache überführt. Drühl macht diesen Prozess selbst zum Gegenstand seiner Malerei. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit der Entstehung, Überlieferung und Veränderung von Bildern und damit zugleich mit einem kollektiven Bildgedächtnis, das unsere Vorstellungen von Natur prägt.
Dieser Ansatz zieht sich durch Drühls gesamtes Werk und zeigt sich in unterschiedlichen, seriell entwickelten Verfahren. In den frühen Undead-Bildern sind die Landschaftsmotive vollständig in Schwarz gehalten. Die Formen treten wie flache Reliefs aus der monochromen Oberfläche hervor, erinnern kunsthistorisch etwa an Ad Reinhardt oder Kasimir Malewitsch. Das vermeintliche Ende der malerischen Möglichkeiten wird so zum Ausgangspunkt für eine erneute Auseinandersetzung mit Landschaft. Je nach Lichteinfall beginnt die schwarze Oberfläche zu vibrieren und entwickelt ein eigenes malerisches Eigenleben. Eine andere Form der Konstruktion im Sinne einer Reduktion findet sich in Drühls Silikonbildern. Hier werden die einzelnen Bereiche der Komposition durch Silikonstege voneinander getrennt und anschließend mit Lack oder Ölfarbe ausgefüllt. Die flächigen Formen erinnern an Emaille, Glasmalerei oder Comiczeichnungen und machen die Konstruktion der Landschaft aus einzelnen bildnerischen Elementen unmittelbar sichtbar.
In den später entstandenen Lackbildern wird die Oberfläche zunächst glatt und flach angelegt, bevor die Malerei zunehmend wieder als sichtbare Spur in das Bild zurückkehrt. In den neuesten Arbeiten verbindet Drühl digitale Bildverfahren mit traditionellen malerischen Techniken. Mit einer speziellen Software erzeugt und bearbeitet er Landschaften, überträgt die daraus entwickelten Bildstrukturen auf geplottete Folien und verbindet diese anschließend mit Lack und Ölfarbe. Die Folien werden präzise auf die Leinwand aufgebracht und nach der additiven malerischen Setzung anschließend wieder entfernt, sodass einzelne Bereiche freigelegt, überarbeitet und in mehreren Schichten miteinander verbunden werden. Digitale Bildbearbeitung und sehr unterschiedliche malerische Verfahren treffen dabei auf die körperliche Arbeit an der Leinwand.
Gerade in diesem Herstellungsprozess wird eine zentrale Spannung von Drühls Arbeiten sichtbar. Dabei entsteht eine Spannung zwischen der scheinbaren Unmittelbarkeit des dargestellten Landschaftsraums und der Künstlichkeit seiner Konstruktion. Manche Bilder lassen ihre Zusammensetzung zunächst kaum erkennen und erscheinen als geschlossene, überzeugende Landschaften. In anderen Arbeiten tritt das Gemachtsein deutlich hervor. Äste oder grafische Formen legen sich wie eine zweite Bildebene vor die Landschaft und machen die Konstruktion des Bildraums unmittelbar erfahrbar. Klassische Mittel der Malerei, etwa die Erzeugung von räumlicher Tiefe, treffen auf flächige und grafische Elemente. Die Landschaft bewegt sich damit zwischen Illusion und deren bewusster Offenlegung.
In den neuesten Arbeiten verschiebt sich dieses Verhältnis noch einmal zugunsten der Malerei. Die Farben erscheinen kräftiger, künstlicher und teilweise geradezu grell. Lacke fließen ineinander, dunkle Ölschichten lassen intensive Farbtöne hervorleuchten und pastos aufgetragene Partien verleihen den Bildern eine neue materielle Präsenz. In einer roten Meereslandschaft verschwindet der Horizont vollständig. Der Ausschnitt konzentriert sich allein auf die Oberfläche des Wassers. Das Landschaftsmotiv nähert sich hier beinahe der abstrakten Malerei an. Was in früheren Arbeiten vor allem als konzeptuelle Untersuchung der Bildkonstruktion erschien, gewinnt zunehmend eine eigene sinnliche und malerische Qualität.
Drühls Malerei berührt zugleich Frage nach Autorschaft und Wirklichkeit. In einer Gegenwart, in der Landschaft zunehmend durch bereits bekannte Bilder wahrgenommen wird, gewinnt dies an zusätzlicher Aktualität. Digitale Plattformen verbreiten unzählige Ansichten von Natur, die sich wiederholen und gegenseitig bestätigen. Nicht selten suchen wir an einem Ort weniger die unmittelbare Erfahrung einer Landschaft als das Bild, das wir von ihr bereits kennen. Drühls Arbeiten machen sichtbar, dass unser Blick niemals voraussetzungslos ist. Wir bringen unsere Bilder von Landschaft gewissermaßen bereits mit. Wenn vorhandene Fotografien, historische Gemälde, digitale Dateien und Computerspielwelten zum Ausgangspunkt eines neuen Gemäldes werden, stellt sich die Frage, wo ein Bild beginnt und wo das Vorbild endet.
Der Künstler gibt darauf keine eindeutige Antwort. Vielmehr macht er die Überlagerung von Vorlage und Erfindung, digitaler Konstruktion und körperlicher Malerei selbst zum Gegenstand seiner Arbeit. Seine Landschaften sind Konstruktionen, die zugleich überzeugend als Landschaftsbilder funktionieren. Sven Drühl ist somit weniger ein Landschaftsmaler als ein Maler von Landschaftsbildern. Indem er vorhandene Bilder neu zusammensetzt, verändert und in Malerei überführt, führt er die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Wirklichkeit immer wieder zurück auf das Bild selbst.
Hannah Maria Biller