Mit der Ausstellung Transit präsentiert die Galerie Wolfgang Jahn in Landshut aktuelle Arbeiten von Stephan Kaluza. Die gezeigten Werkgruppen reichen von fotorealistisch gemalten Regenwaldansichten bis zu abstrakten Kompositionen. So unterschiedlich diese Bilder auf den ersten Blick erscheinen mögen, gehen sie doch aus denselben Beobachtungen und Fragestellungen hervor.
Kaluza richtet seinen Blick auf Zustände der Welt, wie sie uns im Spiel des Lichts, in der Bewegung von Wasseroberflächen, in der Struktur eines Farnblatts oder in einem einzelnen Tropfen begegnen können. Es sind Beobachtungen, die sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern sich oft erst dem aufmerksamen Blick erschließen. Gerade in dieser Beiläufigkeit liegt für Kaluza ein besonderes Faszinosum. Seine Bilder laden dazu ein, sich auf jene Momente einzulassen, in denen sich die besondere Ästhetik des vermeintlich Unscheinbaren erst in der Achtsamkeit des Sehens offenbart.
Der Regenwald nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Er wird weder verklärt noch idealisiert, sondern als ein Naturraum gezeigt, der für sich selbst steht. Kaluza interessiert sich nicht für symbolische Aufladungen oder romantische Überhöhungen. Sein Blick gilt dem, was vorhanden ist. Dabei hält er keine bestimmten Orte fest, sondern verdichtet unterschiedliche Beobachtungen im malerischen Prozess zu eigenständigen Kompositionen. Nicht eine Idee von Natur steht im Mittelpunkt, sondern ihre konkrete Erscheinung.
Der Titel der Ausstellung, Transit, verweist auf einen Zustand des Übergangs. Licht wandelt sich, Spiegelungen entstehen und verschwinden, Wasseroberflächen befinden sich in ständiger Bewegung. Selbst dort, wo die Motive eine größere Beständigkeit besitzen, interessiert sich Kaluza weniger für ihre Dauer als für die Art und Weise, in der sie sich dem Blick zeigen. Seine Aufmerksamkeit gilt jenen Momenten, in denen sich Wahrnehmung verdichtet, bevor sie sich erneut verändert.
Die Malerei entzieht solche Momente ihrer unmittelbaren Flüchtigkeit. Zwischen der ersten Wahrnehmung und ihrer malerischen Umsetzung liegt oft ein langes Verweilen bei einem Zustand der Welt. So entsteht ein Bild, das nicht allein von seinem Motiv erzählt, sondern auch von der Aufmerksamkeit, die ihm gewidmet wurde. Es ermöglicht ein Innehalten bei einem Augenblick, der ursprünglich nur von kurzer Dauer war.
Eine erste Ausprägung findet dieser Gedanke in Transit 300. Über den fotorealistisch dargestellten Regenwaldausschnitt legt sich ein Geflecht schwebender Blattformen, das die Darstellung überlagert. Das Vertraute bleibt erkennbar, zugleich treten die Blätter als eigenständige Formen hervor. Dadurch entsteht eine Irritation des Sehens, die den Blick auf den Bildraum verändert.
Zugleich verweist die Arbeit auf die Art und Weise, wie Wahrnehmung nachwirkt. Was von einem Tag im Regenwald zurückbleibt, sind nicht nur Erinnerungen an bestimmte Situationen, Lichtstimmungen und Details, sondern auch das Bewusstsein einer allgegenwärtigen Präsenz des Blattwerks. Sichtbar wird damit nicht nur ein Naturraum, sondern auch die Spur, die dieser in der Erinnerung hinterlässt.
Die Frage, wie Wahrnehmung in Erinnerung übergeht, tritt in The Disappeared noch stärker in den Vordergrund. Die beiden Werke bewegen sich zwischen Gegenständlichkeit und Auflösung. Während in einem Werk präzise und verwischte Partien nebeneinanderstehen, erscheint der dargestellte Naturraum in einem anderen bereits ganz von Unschärfe durchdrungen. Die Motive bleiben gegenwärtig, wirken jedoch zugleich der unmittelbaren Wahrnehmung entrückt. Was vor Augen steht, verwandelt sich zunehmend in ein Bild der Erinnerung.
Diese Werke verweisen damit nicht nur auf die Flüchtigkeit einzelner Wahrnehmungsmomente, sondern auch auf die Art und Weise, wie Erfahrungen im Gedächtnis fortleben. Einzelheiten treten zurück, Konturen verlieren an Schärfe, während andere Eindrücke bestehen bleiben.
Zugleich erinnern sie daran, dass auch die Natur selbst keinem unveränderlichen Zustand unterliegt. Im Zyklus der Natur entstehen fortwährend neue organische Strukturen, während andere vergehen. Der Regenwald erscheint nicht als statisches Gegenüber, sondern als ein Gefüge fortwährender Veränderung. Gerade in diesem allmählichen Verschwimmen der Formen lässt sich jedoch auch die Frage nach den Gefährdungen natürlicher Lebensräume mitdenken.
Während die Natur in The Disappeared noch erkennbar bleibt, tritt sie in den Sealed Landscapes zunehmend hinter Struktur und Komposition zurück. Die Arbeiten erscheinen zunächst als abstrakte Gefüge. Vertikale Strukturen durchziehen die Bildfläche, dichte und offene Bereiche wechseln einander ab, präzise gesetzte Formen stehen gestischen Passagen gegenüber. Sie laden weniger zum Wiedererkennen ein als zum Nachspüren jener Ordnungen und Spannungen, die ihre Komposition bestimmen.
Erst im Zusammenhang mit den übrigen Werkgruppen wird sichtbar, wie eng diese Arbeiten mit den Naturbeobachtungen verbunden bleiben, die den Ausgangspunkt der Ausstellung bilden. Was zuvor als Blattwerk, Licht oder Vegetation erschien, tritt nun als Struktur, Farbe und Bewegung hervor. Die Natur wird hier nicht mehr dargestellt, sondern in ein Gefüge von Beziehungen und Ordnungen überführt.
Was in den Sealed Landscapes bereits angelegt ist, wird in Impact Rainforest konsequent weitergeführt. Die Arbeit erscheint zunächst als autonome abstrakte Komposition aus horizontalen Farbbahnen und Schichtungen. Erst ihr Titel verweist auf den Regenwald als Ausgangspunkt. Sichtbar wird dieser jedoch nicht mehr in Form konkreter Naturdarstellungen, sondern nur noch als entfernte Spur.
Dennoch geht auch dieses Bild aus einer intensiven Naturbeobachtung hervor. An die Stelle konkreter Naturformen treten Farbeindrücke, Lichtwerte und visuelle Rhythmen. Die horizontalen Strukturen erinnern an Schichten visueller Erfahrung. Sie wirken, als hätten sich Wahrnehmungen unterschiedlicher Momente zu einer verdichteten Erinnerung an den Naturraum verbunden. Zurück bleibt nicht die sichtbare Natur, sondern die Atmosphäre eines Ortes, übersetzt in Farbe, Bewegung und Schichtung.
In Impact treten diese Überlegungen schließlich aus der Fläche heraus. Die Bildstruktur gewinnt eine körperliche Präsenz. In dieser Plastizität tritt jene Dreidimensionalität hervor, die den Regenwald prägt. Vertikale Elemente erinnern entfernt an Ordnungen, die bereits in den Sealed Landscapes angelegt waren, ohne unmittelbar auf konkrete Naturformen zu verweisen. Die Arbeit führt damit zentrale Fragestellungen der Ausstellung fort: die Beziehung von Wahrnehmung und Erinnerung, von Naturerfahrung und ihrer künstlerischen Transformation. Während die vorherigen Werkgruppen den Naturraum zunehmend in innere Bilder überführen, gewinnt er hier erneut physische Präsenz.
So führt die Ausstellung von der unmittelbaren Naturbeobachtung bis zu ihren abstrakten Transformationen, ohne den Bezug zu ihrem Ausgangspunkt zu verlieren.
Dr. Veit Ziegelmaier