SURFACE TENSION - Michelle Jezierski

25.02.2026 - 11.04.2026
Galerie Wolfgang Jahn | München

Bilder der Ausstellung


Beschreibung

Was geschieht, wenn eine streng organisierte malerische Ordnung ins Gleiten gerät? Wenn Raster, Linien und Flächen nicht länger allein Träger von Struktur sind, sondern selbst unter Spannung stehen?

Mit Surface Tension präsentiert die Galerie Wolfgang Jahn die dritte Einzelausstellung der in Berlin lebenden Künstlerin Michelle Jezierski. Nach ihren viel beachteten Präsentationen in der Galerie – zuletzt mit Lapse – zeigt Jezierski nun eine Werkgruppe, in der sich ihre malerische Praxis konsequent weiterentwickelt und erstmals in eine räumliche Dimension überführt wird. Michelle Jezierski, die an der UdK bei Tony Cragg sowie an der Cooper Union (bei Amy Sillman) in New York studierte, hat eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, in der sich atmosphärisch aufgeladene Farbräume mit geometrischen Strukturen verbinden.

Ausgangspunkt ihrer Arbeiten bleibt die Zeichnung. Aus diesem frühen, intensiven Arbeiten aus dem Inneren – dem visuellen Ordnen, Verdichten und Abstrahieren von Wahrnehmung – entwickelt sich bis heute das strukturelle Fundament ihres Werks. Die Malerei erweist sich dabei als konsequente Weiterführung dieses zeichnerischen Denkens: abstrakt, jedoch nie rein formal. Sie bewegt sich vielmehr im Spannungsfeld von Geste und Geometrie, von kontrollierter Setzung und bewusst zugelassener Störung.

Lineare Strukturen durchziehen die Bildflächen, verdichten sich, lösen sich wieder auf oder geraten ins Gleiten. Verschiebungen entstehen, Bildstreifen geraten aus dem Takt, Farbfelder beginnen zu vibrieren. In Werken wie Level oder Squint entwickelt sich daraus ein visuelles Flimmern, das an digitale Interferenzen erinnert. Einzelne Zonen erscheinen wie Pixel innerhalb eines fließenden malerischen Gefüges. Landschaft wird dabei nicht abgebildet, sondern als Wahrnehmungszustand erfahrbar – als Echo von Licht, Wasser oder geologischen Schichtungen, ohne sich je topografisch fixieren zu lassen.

Seit 2025 erweitert Jezierski diese Fragestellungen konsequent in den Raum. Erstmals treten keramische Reliefs in einen unmittelbaren Dialog mit den Leinwandarbeiten. Das Raster, bislang innerhalb der Bildfläche organisiert, wird nun als modulare Struktur körperhaft. Die einzelnen Elemente werden von Hand modelliert, geritzt und glasiert. Der technische Prozess ist dabei ebenso präzise wie offen: Während die Formgebung der Kontrolle der Künstlerin unterliegt, entzieht sich der Brennprozess durch chemische Reaktionen und Hitze der vollständigen Planbarkeit. Gerade dieser unvorhersehbare, fast „magische“ Moment findet in der Montage auf Holz seine finale, rhythmische Ordnung.

Ein Schlüsselwerk der Ausstellung ist Mni Sota (2025), dessen Titel auf die indigene Bedeutung „Land des spiegelnden Wassers“ verweist. Es verkörpert paradigmatisch Jezierskis aktuelle Position: Bildräume, die wie Reflexionen erscheinen – zusammengesetzt aus Verschiebungen, Überlagerungen und zeitlich versetzten Ebenen.

Mit Surface Tension kehrt Jezierski zugleich zu einem zentralen Impuls ihrer Ausbildung bei Tony Cragg zurück: Das bildhauerische Denken, das ihre Malerei seit jeher strukturiert, findet in der Keramik nun eine eigenständige, konsequente Entsprechung. Die Oberfläche steht unter Spannung – sie behauptet sich nicht nur als Träger, sondern als skulpturale Form. So erweist sich die ins Gleiten geratene Ordnung nicht als Verlust von Struktur, sondern als deren Transformation: vom statischen Raster zum dynamischen, räumlich wirksamen Gefüge.

Wilko Austermann

Fotocredit: Produktion Pitz


Künstler