KNOTEN WIE WOLKEN - Michael Sailstorfer

19.03.2026 - 30.04.2026
Galerie Wolfgang Jahn | Landshut

Beschreibung

Wann verdichtet sich etwas, wann löst es sich auf? Wo verläuft die Grenze zwischen Binden und Freisetzen? Die Ausstellung KNOTEN WIE WOLKEN von Michael Sailstorfer experimentiert mit Übergängen. Mit Materialien, die ihren Objektstatus hinter sich lassen, um eigenmächtig am Werden der Welt teilzuhaben.

Michael Sailstorfer gehört zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern und Installationskünstlern seiner Generation. Er ist bekannt für seinen hintersinnigen Umgang mit Zeit und Transformation. In seinen Arbeiten werden Dinge aus ihrem Daseinszweck gelöst, um sich in einem neuen Zusammenhang zu entfalten.

Seine Skulpturen und Installationen bewegen sich in einer semantischen Schwebe. Sie sind Mischwesen. Gestaltwandler, die sich in fortdauernder Metamorphose befinden und so dem apollinischen Ideal der vollendeten Form trotzen.

HEAVY CLOUDS bildet das Herzstück der Ausstellung. Sailstorfer hat mit Ölfarbe Wolken auf Walzblei gemalt. Das industrielle Material wird zum Dachdecken verwendet, um Gebäude abzudichten. Bis heute liegt es auf historischen Dächern und weist ab, was vom Himmel kommt – Regen, Schnee, Kälte.

Darin liegt nun eine poetische Geste: Das Material, das vor dem Wetter schützen soll, wird zur Leinwand für Wolken. Das Abgewehrte wird eingeladen. Die Grenze wird durchlässig. Das Blei bringt sich ein. Es oxidiert, reagiert mit der Luft, geht Verbindungen mit der Farbe ein. Es schafft sein eigenes Wetter. Atmosphäre.

"Das Material spricht mit", sagt Sailstorfer. In diesem Mitsprechen liegt eine tiefere Einsicht: Materie ist nicht passiv. Sie ist nicht bloß Träger menschlicher Gestaltung, sondern besitzt eine eigene Handlungsmacht, die sich kontinuierlich im Prozess der Auflösung und Erneuerung befindet. Dabei schauen wir nicht nur zu, wir sind eingebunden. Die Philosophin und Quantenphysikerin Karen Barad schreibt: "Wir sind nicht außerhalb der Welt, die wir beobachten, sondern Teil der Welt in ihrer dynamischen Konfiguration."

Was lebt, zerfällt und verschleißt, nur um sich dadurch neu zu erschaffen. Das Blei – oft als schwer, giftig, niederziehend empfunden – streift seine gewohnten Assoziationen ab. Es tritt in Beziehung mit den vermeintlich leichten Wolken. Beide wandeln sich. Sie gehen anders aus der Begegnung hervor, als sie einmal waren. Ist es nicht das, was Begegnung ausmacht?

Dann ein Knoten. Die Skulptur SHAKE HANDS. Ein Händedruck aus Tau. Aus Bronze gegossen, mit fluoreszierender Farbe bemalt – und leuchtend. "Shake Hands Bend" nennen Seeleute einen Knoten, der zwei Seile miteinander verknüpft. Bei Sailstorfer entsteht mehr als eine funktionale Verbindung. Eine trickreiche Meditation übers Binden und Befreien.

Der Knoten, schreibt der Anthropologe Tim Ingold, ist niemals das Ende. Er ist eine liminale Form. Er markiert einen Schwellenzustand. Erinnert an sein Entstehen – das Binden einer Schlaufe – und birgt zugleich die Möglichkeit in sich, sich wieder zu lösen. In der Seefahrt ist das Auflösen eines Knotens mit der Freigabe von Energie verbunden. Zudem erschafft der Knoten nachlaufende Enden, die sich auf die Suche nach neuen Verbindungen machen. Er ist weniger Abschluss als Aussicht. Die Entdeckung anderer Enden, mit denen sich neu zu verbinden gilt.

SHAKE HANDS fügt der Offenheit eine Dimension hinzu: Die fluoreszierende Farbe verwandelt die Bronzeskulptur in einen Energiespeicher. Das Material nimmt Licht auf und gibt es bei Dunkelheit wieder ab. Ein ephemerer Prozess, der an Magie grenzt.

Sailstorfer macht aus der Performanz des Knotens ein rätselhaftes Vexierspiel. Einerseits führt er uns vor Augen: Die Verknotung ist nicht das absolute Ende. Andererseits lässt er sinnieren: Was hält eine Bindung fest? Und was setzt sie frei?

WOLKEN LANDSHUT ist eine raumgreifende Installation. Aus Gummischläuchen von Traktorreifen, wie sie im Agrargroßhandel erhältlich sind, hat Sailstorfer Wolken geformt und mit Luft gefüllt. Die grauen Schläuche, normalerweise schwerer Last und Bodenkontakt ausgesetzt, werden zu leichten, schwebenden Gebilden.

Eindrücke werden wach. Ein Berliner Winter. Jene Tage, an denen der Himmel so tief hängt, dass man meint, ihn berühren zu können. Ein bleierner Himmel.

Und hier die Transformation: Wolken aus Gummi, die diese Schwere aufnehmen und zugleich konterkarieren. Was schwer war, wirkt schwerelos. Was unten ist, kann oben sein. Die Wolken hängen wie ein Mobile im Raum – und verändern ihn. Nicht nur, weil sie ihn füllen, sondern weil sie ihn anders lesbar machen. Sailstorfer zeigt virtuos, wie sehr unsere Wahrnehmung von Materialität geprägt ist. Und wie leicht sich diese Wahrnehmung verschieben lässt.

EINFACHER STROMKREIS BLAU – eine Arbeit aus mundgeblasenen, handgeformten Neonröhren. Gebogen zu einer Maske, die sich aus der schematischen Darstellung eines Stromkreises zusammensetzt.

Strom fließt durch den geschlossenen Kreislauf. Die Röhren leuchten blau auf. Das vorher Unsichtbare, die Energie, wird sichtbar. Das Abstrakte wird konkret. Das Schematische wird körperlich und lässt ein Gesicht aufscheinen. Ein Funke von Identität blitzt auf.

Die Maske – wer trägt sie? Was verbirgt sich dahinter? Ist es die Energie selbst, die ein Gesicht bekommt? Ist es das Material? Oder ist es die betrachtende Person, die sich in ihrer anthropomorphen Weltgestaltung wiedererkennt?

Was all diese Arbeiten verbindet ist ihr mehrdeutiges Spiel mit Zuständen der Transformation. Sailstorfer entwirft keine fertigen Objekte, sondern schöpferische Prozesse. Mit Materialien, die sich wandeln.

Ganz in dem Verständnis: Materie ist niemals beständige Materie. Sie ist radikal offen. Fähig zu reagieren, zu antworten, empfänglich zu sein.

Sailstorfer hebt vermeintlich klare Trennungen auf – zwischen fest und flüchtig, schwer und leicht, natürlich und künstlich. Zugunsten eines dritten Zustands. Eines Schwebezustands, in dem alles möglich wird. Was sich noch nicht vollständig zu erkennen gibt, was der Fixierung entkommt, kann noch alles werden. Das eröffnet Räume der Fantasie.

Am Ende erweitert Michael Sailstorfer das Parlament des Lebendigen um die Mitbestimmung durch Materie. Er lädt ein, den Blick für verborgene Prozesse zu öffnen, die ständig im Gang sind. Denn gerade in ihnen stecken die Möglichkeiten zur Verwandlung.


Text: Frank Steinhofer


Künstler