Gruppenausstellung: Harding Meyer, Heng Li, Martin Schnur, Martin Veigl, Kate Waters - Entrückt

29.06.2022 - 29.07.2022

Bilder der Ausstellung


Beschreibung

Mit der Gruppenausstellung „Entrückt“ zeigt die Galerie Wolfgang Jahn in Landshut fünf künstlerische Positionen aus ihrem Programm, die allesamt einen individuellen Ansatz zur figurativen Kunst verfolgen. Doch wie schon der Ausstellungstitel suggeriert, geht es bei den Arbeiten von Harding Mayer, Heng Li, Martin Schnur, Martin Veigl und Kate Waters dabei weniger um eine rein ästhetisch-realistische Wiedergabe von Wirklichkeit. Vielmehr entziehen sich die Werke einer eindeutigen und eindimensionalen Lesart und erscheinen somit der Realität „entrückt“. Nicht selten lässt die hier gezeigte Kunst den Betrachter daher mit einem rätselhaften Staunen zurück. Denn oftmals bleibt die visuell vermittelte Information kryptisch, geheimnisvoll und mysteriös, seltsam distanziert, uneindeutig und befremdlich. 

Die Bildwelten des Österreichers Martin Veigl, 1988 in Steyr geboren, zeigen uns fotorealistische Körperansichten seltsam auf sich fokussierter Menschen. Flaneure, die nicht selten wie ferngesteuerte Tagestouristen wirken und die trotz ihrer Zusammenkunft im Bilde in eigentümlicher Weise völlig isoliert agieren. Ihre Augen verbergen sich hinter Sonnenbrillen, sind verschlossen oder wie in Gedanken versunken nur halb geöffnet. Manchmal erkennt man erst gar keine Physiognomie, wenn Veigl uns die Charaktere in Überschneidungen oder gänzlich hinterrücks zeigt. Nicht die Inszenierung eines besonderen Augenblicks ist hier das Thema, sondern ein zufälliges Kommen und Gehen samt beiläufiger Gesten, was hier vom Künstler im Bild festgehalten wird. Fast wirkt es so, wie wenn der Maler für die Vorbereitung seiner Kompositionen beliebige Schnappschüsse en passant von Menschen in der Menge fotografisch aufgenommen hätte, die sich in ihrem augenblicklichen selbstversunkenen Tun gänzlich unbeobachtet wähnten. Verdichtet zu einem Bildgefüge wirken die Dargestellten wie eingefroren in ihrer unscheinbaren Gestik und Mimik. Trotz ihrer sommerlicher Kleidung und dem demonstrativ dargestellten Müßiggang versprühen sie dennoch einen Hauch von Melancholie und Tristesse, wenn sie einsam und selbstbezogen in der Menge ihren Weg beschreiten. Doch das augenfälligste ist damit noch nicht gesagt. Veigl verzichtet komplett auf eine malerische Verortung des Geschehens, indem er seine Passanten vor reinen Farbflächen agieren lässt. Zusammen mit einem gestisch abstrakten Farbauftrag, der beinahe willkürlich an verschiedenen Stellen im Bild als Verfremdungseffekt aufscheint und dabei ganze Bildteile mit farblichen Eigenwert überfrachtet, wird die Szenerie nicht nur in Vorder-, Mittel- und Hintergründe unterteilt. Sie wird darüber hinaus zu einem der Realität entrückten Zerrbild, ohne dass dies die Flaneure in ihrem Tun ernsthaft stören würde. Zurück bleibt ein Eindruck ästhetischen Unbehagens, in dem sich trotz der durch die Farben vermittelten Leichtigkeit und Sorglosigkeit tiefe Brüche in die Realität einschreiben. Durch das partielle Auflösen der Formen wird die konkrete Gegenwart zunehmend zur nebulösen Vergangenheit.

Auch die Bilder des 1968 geborenen und in Wien lebenden Malers Martin Schnur verstören durch eine bewusste Dekontextualisierung. Im Verschleifen unterschiedlicher Realitätsebenen und Örtlichkeiten zu gänzlich ungewohnten, ja irrational anmutenden Bildsettings wirken seine Werke wie mysteriöse Traumsequenzen, wie sie das Unterbewusstsein individuell im Schlaf generiert. Für die Dauer eines Traumes erscheinen sie real und stimmig, ehe sie sich in der Rationalität der Wachphase wieder verflüchtigen. Doch bei Schnur sind sie langfristig im Bild festgehalten. Es bleiben malerische Rätsel, die sich kaum vollständig und mit Gewissheit entschlüsseln lassen. Der moderne Mensch in Absonderung von der ihn ursprünglich umgebenden Natur, der nicht zuletzt durch in das Bild integrierte Spiegelungsmotive mit sich selbst konfrontiert wird, ist dabei ein immer wiederkehrendes und variiertes Thema.

Eher mystisch wirken dagegen die Bilder des 1979 in China geborenen Künstlers Heng Li. Sie zeigen präzise und fein strukturierte Graslandschaften unter sphärischen Himmelsformationen mit beeindruckenden Lichterscheinungen, die seine Bildwelten auf magische Weise illuminieren und durchfluten. Seine Arbeiten wirken übersinnlich, fast religiös motiviert oder spirituell aufgeladen. Menschen kommen darin nicht vor. Und dennoch hat man den Eindruck, dass das dargestellte Gras an manchen Stellen platt gedrückt wirkt, so als wäre dort bis vor kurzem noch eine menschliche Lagerstätte gewesen. Oder vielleicht die Spur einer Landung anderer Lebensformen? Gleichzeitig mag man im Zusammenspiel mit den gewaltigen Wolkenformationen und der zum Teil übersteigerten Farbigkeit des Himmels auch an die Folgen eines nuklearen Desasters denken, in dessen Nachgang nur mehr die Reste einer Landschaft sich zu behaupten wissen. 

Die Tuschzeichnungen der 1964 in Kanada und heute in Düsseldorf lebenden Künstlerin Kate Waters wirken auf den ersten Blick in ihrer Sepia gehaltenen Farbigkeit wie leicht überbelichtete Vintage-Fotografien schlichter nordamerikanischer Vorstadtszenerien, die an die Ästhetik großer fotografische Vorbilder wie William Egglestone erinnern. In einem gekonnten und aufwändigen Schaffensprozess gelingt es Waters nicht nur vermeintlich beiläufige Motive und Szenarien des Alltäglichen akkurat und präzise wiederzugeben, sondern vor allem auch das Besondere der ihnen innewohnenden Stimmung und Atmosphäre einzufangen. So kann man förmlich die flirrende Hitze eines beginnenden oder auch zur Neige gehenden Sommertages mit seinem von Sonnenlicht durchfluteten Himmel spüren. Charakteristisch für die Arbeiten Waters ist, dass sie neben einer fast hyperrealistischen Darstellung in ihrer Aussage dennoch geheimnisvoll und vage bleiben. Wie ein Filmstill aus einem Hollywoodstreifen erzeugen sie trotz des vermeintlich beiläufigen Charakters der Szenerie eine in der Luft liegende Spannung. Warum zeigt uns Kate Waters gerade diese menschenleeren Orte, die nur Spuren oder Relikte menschlichen Daseins erkennen lassen? Oder sind es etwa Tatorte, an denen etwas Schreckliches geschehen ist oder noch geschehen wird? 

Seltsam entrückt erscheinen schließlich auch die Bilder des 1964 in Brasilien geborenen Malers Harding Meyer. Sein oftmals großformatig angelegten Arbeiten konfrontieren uns mit Frauenportraits, die mit intensiven Blicken Raum und Betrachter ins Visier nehmen. Zuweilen haftet den Protagonistinnen, deren Gesicht frontal oder im klassischen Dreiviertelportrait wiedergegeben wird, etwas Verletzliches und Melancholisches an. Und dennoch lassen sich gerade diese Frauenbildnisse in ihrer Umsetzung unzweifelhaft als stolze und unverrückbare Behauptungen des Femininen interpretieren. Durch die zumeist überdimensionale Präsentation kommt es zu einer Verzerrung des Maßstabs und dadurch letztlich zu eine Überhöhung der Darstellung, die dadurch fast schon sakrale, zumindest aber übersteigerte Züge erhält. Auch Hardings Maltechnik, die gleichsam Details in Szene setzt, dann aber wieder einen gestischen fast groben Malduktus erkennen lässt, bei dem sich Gesichter und Hintergründe auf der Bildoberfläche aus gespachtelten Einzelflächen zusammensetzen, lässt die Personen wie durch einen durchsichtigen Schleier trotz ihrer unmittelbaren Präsenz distanziert und letztlich ein Stück weit entrückt und unnahbar erscheinen. 

Dr. Veit Ziegelmaier